“Die Digitalisierung hat das Trend-Stadium weit überschritten.”

Sinanudin Omerhodzic, CIO und Senior Vice President der HARTMANN GRUPPE berichtet im Interview mit Andreas Jamm von den digitalen Herausforderungen der Medizinbranche und wie Unternehmen, es seiner Ansicht nach schaffen werden mit dem allgegenwärtigen Wandel im Wettbewerb gezielt umzugehen.

Zur Person:

Sinanudin Omerhodzic, ist seit Anfang 2017 CIO und Senior Vice President der HARTMANN GRUPPE. Seinen erfolgreichen Studienabschluss des Diplom-Informatikers, erlangte er an der Technischen Universität Berlin. Als international erfahrene Führungspersönlichkeit für die Entwicklung und Umsetzung innovativer und nachhaltiger Geschäftsmodelle in unterschiedlichen Branchen, handelt Sinanudin Omerhodzic stets nach seiner Philosophie “Think Business first and Technology second”. Zu seinen Leidenschaften außerhalb des Berufes reihen sich der Sport (Fußballtrainer) und die Musik (Komponist für Klaviermusik) ein.

Andreas Jamm: Was ist Ihr persönliches Verständnis von Disruption? Inwieweit entspricht Ihre Unternehmensentwicklung diesem Disruptions-Verständnis?

Sinanudin Omerhodzic: Die Digitalisierung ist immer mit Veränderungen verbunden. Ob diese aber transformativ oder disruptiv sind, hängt vom jeweiligen Unternehmen und der Kundennachfrage ab. Zumeist ist die Disruption in der Wirtschaft jedoch weniger präsent als die Transformation. Denn die Betriebe wollen sich verändern, bevor sie überflüssig und von der Konkurrenz ersetzt werden. Ein stetiger Prozess wie die Transformation ist daher häufiger anzutreffen als ein radikaler Schnitt wie die Disruption. Dennoch sollten sich Unternehmen mit beiden Begriffen auskennen, um die Digitalisierung aktiv und gezielt steuern zu können.

Andreas Jamm: Wie hat sich konkret die IT in den letzten Jahren verändert?

Sinanudin Omerhodzic : In den letzten Jahren hat sich unsere IT Organisation stetig gewandelt. Wir überprüfen permanent unsere festgelegten Ziele, unsere Roadmap und unser Operation Modell, um möglichst proaktiv und agil agieren zu können. Als ich im Jahr 2017 als CIO bei HARTMANN angefangen habe, wurde die IT vorrangig als Support Funktion geschätzt. Eine strategische Einbindung oder der enge Austausch zum Kerngeschäft waren noch nicht weit ausgeprägt. Dies war der Treiber der darauffolgenden Veränderungen. Wir sind Schritt für Schritt vom IT Support und Dienstleister zu einem Technologie-Innovator geworden. Dies bedeutet auch für die Mitarbeiter strategischer und agiler zu denken. Unser Ziel für die IT ist es, proaktiv zu agieren und Trends, Chancen aber auch Risiken frühzeitig an das gesamte Business zu kommunizieren. Unser Ziel ist gemeinsam neue Technologien zu erschließen, Trends voranzutreiben und unser Geschäftsmodell an die neuen Gegebenheiten anzupassen.

Im Jahr 2020 wollen wir alle IT-Aktivitäten der HARTMANN Gruppe in einem virtuellen und global agierenden Ökosystem aufbauen, welches unsere Kunden viel stärker in den Fokus rückt (Business Orientation). Wir möchten vom Business als Wertschöpfungspartner wahrgenommen werden und aus der IT heraus einen Mehrwert für das Gesamtportfolio des Unternehmens schaffen.

Ein Beispiel für den Wandel zum Technologie-innovator ist die Data Intelligence Initiative, bei der die IT als Vorreiter in der Pilotisierung dieser Lösung fungierte. Interne Datenquellen können nun mit externen Quellen kombiniert werden, um daraus gezielte Prognosen abzuleiten, die Qualität zu steigern und somit einen Mehrwert für einzelne Abteilungen zu schaffen. Um im Unternehmen Synergien zu nutzen, können wir dieses Vorgehen an unsere bereits existierenden Lösungen koppeln und diese weiter verbessern. Dazu zählt z.B. unsere Sensorbox, die wir in Spanien bereits erfolgreich einsetzen und in einer Vielzahl von Krankenhäusern aufgebaut haben. Es handelt sich dabei um ein lokales Warenhaus in den Kliniken, welche von uns mit stapelbaren Boxen ausgestattet sind, in welchen man medizinische Produkte, wie als Beispiel Wundauflagen oder Bandagen lagern kann. Durch die zugrundeliegende IoT-Technologie wird nach Erreichen einer kritischen Mindestmenge automatisch eine neue Bestellung ausgelöst und nachgefüllt. Die Vorteile für die Fachkräfte liegen auf der Hand. Bisher mussten 3x pro Tag die Lagereinrichtungen geprüft werden, um den Tagesbedarf zu decken. Dies wird nun komplett automatisiert. Letztlich wird die Patientenversorgung verbessert, da sich Pflegekräfte weniger um logistische und administrative Aufgaben kümmern müssen.

Andreas Jamm: Wann muss Ihrer Meinung nach, ein Unternehmer disruptiv mit seinem Geschäftsmodell umgehen? Muss erst eine offensichtliche Krise kommen, bevor man sich bewegt und das Unternehmen neu erfindet?

Sinanudin Omerhodzic: Der Wandel passiert überall und ständig, somit ist er allgegenwärtig. Die Digitalisierung hat das „Trend-Stadium“ weit überschritten, die Frage des „Dabei-seins“ stellt sich nicht mehr, vielmehr müssen sich alle Stakeholder die Frage beantworten wie sie ihre Wertschöpfungskette an die Gegebenheiten der veränderten digitalen Umgebung anpassen. Dabei entsteht aus der Vielzahl an „digitalen Optionen“ eine große Verunsicherung, zumal sich die Industrie im regulierten Umfeld befindet. Daher muss dieses Thema holistisch bearbeitet werden und funktioniert ausschließlich im Zusammenspiel zwischen Business und IT. Von der digitalen Transformation ganz allgemein sind daher nicht nur einzelne Bereiche betroffen, sondern vielmehr ganzheitliche Systeme. Daher reicht es in der heutigen Zeit nicht mehr aus sich lediglich auf Produkt- bzw. Projektinnovationen oder – verbesserungen zu fokussieren, sondern das Überdenken ganzer Geschäftsmodelle ist ein wesentlicher Wettbewerbsfaktor geworden. Das führt schlussendlich dazu, dass ein Unternehmen stetig disruptiv mit seinem Geschäftsmodell umgehen muss. Dies setzt wiederum eine proaktive und agile Struktur voraus.

Andreas Jamm: Wie stark hat die Transformation, bzw. Disruption Ihre „Branche“, Ihr Ökosystem und Ihr Geschäftsmodell gewandelt?

Sinanudin Omerhodzic: Das Gesundheitsumfeld, in welchem wir tätig sind, verändert sich massiv. Hier entstehen zentrale Werttreiber, zu welchen, neben den Smart Operations, auch der Aufbau eines Digital Patient Ökosystems sowie der Drang nach Forschung und smarten Laboren immer lauter wird. Diese Werthebel beeinflussen unser System drastisch. All dies bedeutet gezielte Innovationen, die das medizinische Fachpersonal entlasten und die Kosten für Kunden und Gesundheitssysteme insgesamt reduzieren. Digitale Lösungen spielen dabei eine Schlüsselrolle und machen einen Unterschied. Mit aufkommenden Trends wie E-Health-Regulierung, Telemetrie-Systemen und einer Debatte über die Sicherheit von Patientendaten steht der Gesundheitssektor ständig unter Druck, aber auch die Chancen nehmen permanent zu.

Im Hinblick auf disruptive technologische Trends sieht sich der gesamte Gesundheitssektor mit einer überwältigenden Anzahl neuer Technologien konfrontiert, wie z.B. Diagnose mit künstlicher Intelligenz (KI), 3D-Druck, ferngesteuerte Operationen, mit dem Internet der Dinge (IoT) verbundene Geräte und Anwendungen im Gesundheitswesen. Die deutsche Regierung ebnet derzeit den Weg für den Umgang mit diesen medizinischen Apps und hat beschlossen, die Verschreibung von Healthcare-Apps in Zukunft einfacher zu gestalten. HARTMANN sieht das Potenzial in solchen bahnbrechenden (disruptiven) Technologien und konzentriert sich derzeit auf große Daten- und Analyseanwendungen, den Aufbau einer eHealth-Plattformarchitektur und die gezielte Nutzung digitaler Technologien wie künstliche Intelligenz, Internet der Dinge (IoT) und eCommerce in verschiedenen Anwendungsfällen. Dass das Gesundheitswesen in diesem Bereich hohes Potential aufweist, wird auch im Digital Index 2018 des BMWi[1] deutlich. Branchen wie beispielsweise Finanzen und Versicherungen, Chemie und Pharma aber auch Transport und Logistik sind dem Gesundheitswesen in Sachen Digitalisierung bisher noch einige Schritte voraus. Daraus ist jedoch abzuleiten, dass das Potential im Gesundheitsmarkt noch groß ist und daher noch keine Marktsättigung vorliegt.

[1] Vgl. Bundesministerium für Wirtschaft und Energie. https://www.bmwi.de/Redaktion/EN/Publikationen/monitoring-report-digital-economy-2018.pdf?__blob=publicationFile&v=2.

Andreas Jamm: Disruption wird in der Regel mit der Verfügbarkeit und dem Einsatz neuer Technologien in Verbindung gebracht. Welche Technologien oder andere fundamental neuen Lösungskonzepte waren oder sind für Sie ausschlaggebend? Was waren sonst Ihrer Meinung nach relevante Treiber des Wandels?

Sinanudin Omerhodzic: Relative Treiber des Wandels gibt es viele. Ausschlaggebend sind Treiber wie das (mobile) Internet und das Smartphone. Durch diese zwei Treiber entstanden in den letzten Jahren viele neue Trends. Hierzu zählen Cognitive Computing, der 3D-Drucker, Roboter/Automation, Connectivity und Device Economy. HARTMANN greift mit diversen Leuchtturmprojekten diesen Trend auf. So werden IoT- und AI-Technologien beispielsweise für die bereits erwähnte Sensorbox genutzt, um Lagerbestände bei unseren Kunden automatisch zu erfassen, um somit die Patientenversorgung zu optimieren. Technologien wie Künstliche Intelligenz und vernetzte Systeme, basierend auf Big Data, verwenden wir in einer Lösung, die aktuell in Tschechien pilotiert wird. Dabei geht es um die frühzeitige und KI-gestützte Erkennung von Krankenhauskeimen.

Andreas Jamm: Können Sie Unternehmern drei Ratschläge oder Tipps geben, die Ihnen helfen Ihre Disruption, bzw. digitale Transformation erfolgreich anzugehen?

Sinanudin Omerhodzic: Die IT muss „Technology Innovator“ werden, um Business Kontinuität und Prioritäten zu gewährleisten. Zur Erreichung dieses Reifegrades, wurde die HARTMANN IT in den letzten Jahren mit dem Fokus auf vier Initiativen transformiert.

Bei den vier Initiativen handelt es sich um die Modernisierung der Infrastruktur und der Anwendungslandschaft. Dies bedeutet Komplexitätsreduktion und Standardisierung der Kernsysteme, die uns unserer Meinung nach sowohl effizienter und benchmarkfähiger, als auch flexibler und skalierbarer machen werden.  HARTMANN agiert als ein Team in einem internationalen Umfeld und bietet bessere Karrierechancen, wobei wir für eine globale, virtualisierte und geschäftsorientierte IT-Organisation stehen möchten. Des Weiteren ermöglichen wir die Umsetzung der digitalen Strategie durch neue digitale Technologien und den Aufbau von Technologieteams. Anknüpfend zu dieser Initiative führen wir strategische Business-Transformationsprojekte durch.

Darüber hinaus muss die IT-Organisation neu durchdacht werden. HARTMANN hat in diesem Zuge sogenannte Technology Leader-Rollen definiert, welche die zwei Geschwindigkeitsstufen einer IT-Organisation miteinander verbinden – die agile und die robuste IT. Während die agile Seite der IT für Design, Innovation und Transformation verantwortlich ist, gewährleistet die robuste IT das Planen, Bauen und Betreiben von IT-Systemen. Zur Verbindung beider Seiten wurden drei dezidierte Rollen geschaffen. Technology Leader Processes sind verantwortlich für die interne Prozesseffizienz. Sie leiten Projekte mit anderen Abteilungen in beispielsweise den Bereichen M&A, Stakeholder-Management, Finanzplanung & Controlling, strategische Planung und Lieferantenmanagement. Technology Leader Market ermöglichen kundenorientierte Innovationen durch Markt- und Markenverständnis. Sie verstehen, wie sich B2B, B2C, Krankenversicherungen sowie der Verbraucher und andere Stakeholder des Unternehmens verhalten. Technology Leader Scouts treiben die digitale Transformation durch systematisches Scannen neuer Technologien voran. Sie verfügen über ein tiefes Verständnis der verschiedenen Bereiche und arbeiten eng mit ihnen zusammen, um Technologien zu bewerten und in die verschiedenen Geschäftsmodelle einzubeziehen.

Jedoch muss vorab generell ein Kulturwandel geschaffen werden, d.h. wie erreicht man seine Mitarbeiter und wie geht man den Weg dieser Transformation gemeinsam? Wie geht man mit der thematischen Überschneidung zwischen den Unternehmensbereichen IT und Digital um? Um neue Wege einzuschlagen und sich vom Wettbewerb abzuheben, müssen die Unternehmen auch ab und an Risiken eingehen und sich auf neue Initiativen einlassen.

Andreas Jamm: Herr Dr. Heizmann, vielen Dank für die interessanten Einsichten und Ratschläge. Ich danke Ihnen für das Interview.

Über HARTMANN GRUPPE:

Das Unternehmen HARTMANN entwickelt seit mehr als 190 Jahren bahnbrechende Lösungen auf dem Gebiet der Gesundheitsvorsorge und des Hygienemanagements und ist der führende europäische Anbieter von Medizin- und Hygieneprodukten mit den Kompetenzschwerpunkten Wundbehandlung, Inkontinezversorgung und Infektionsschutz. Darüber hinaus bietet HARTMANN innovative Systemlösungen für professionelle Zielgruppen im Medizin- und Pflegebereich. Weltweit ist das Unternehmen mit Sitz in Heidenheim, dessen Schwerpunktmarkt Europa ist, mit eigenen Gesellschaften marktnah aufgestellt. Im Jahr 2018 erwirtschafteten 11.027 Mitarbeiter in der HARTMANN GRUPPE einen Umsatz von 2,12 Mrd. EUR.

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