Digitalisierung, 4.0 und Hidden Champions – kein Grund zur Klage?

Gastbeitrag von Dr. Winfried Felser. In den vergangenen Wochen hatte ich die große Freude, mich mit dem Erfinder des Hidden Champions-Begriffs – Professor Herman Simon – über die Zukunftsfähigkeit dieser Unternehmen zu unterhalten. Seine wichtige Botschaft im zweiten Buch der Meffert-Trilogie zur neuen Marktorientierung: Hidden Champions haben besondere Stärken wie eine hohe Kundennähe, wo sie Konzernen deutlich überlegen sind. So haben bei Konzernen nur 8 % der Mitarbeiter direkten Kundenkontakt, bei Hidden Champions sind es 38 %! Zwei Unternehmen, die Professor Simon besonders hervorhob: Würth und ifm. Diese Stärken kombiniert mit den Potenzialen der Digitalisierung und Industrie 4.0 können Hidden Champions zu den beeindruckenden Gewinnern der zweiten Digitalisierung machen bis hin zu disruptiven Innovatoren bzw. “Disruptive Champions”. Das sehen jedoch nicht alle so.

Disruptive Champion, Digitalisierung, Digitale Transformation

Bei meinem ersten Beitrag als XING Insider gab es ganz viele selbsternannte “Mittelstands-Experten”, deren Hauptproblem in englischen Begriffen und neuen Konzepten bestand und die das Klein-Klein propagierten und Automatisierung mit Digitalisierung gleichsetzten. Aber auch, wenn man alles glaubt, was man schwarz auf weiß liest, dann steht es ganz schlecht um Deutschlands Industrie. So verkündete die WELT z.B. nach einer HMI 2016 eher pessimistisch: “Der bislang weltweit führende und erfolgsverwöhnte deutsche Maschinenbau lässt sich auf der Messe vom Partnerland USA die Schau stehlen.” Das hatte damals der Autor schon ganz anders erlebt. Im Vorfeld der HMI 2018 werden hier einige Beispiele präsentiert, die zeigen, wie Hightech Made in Germany sogar schon 2016 US-Präsident Barack Obama beeindruckte.

1. “Disruptive Champions”: ifm electronic & die 3D-Kamera

Ex-Präsident Obama war 2016 kompetent genug, um anders als manche deutsche Mittelstandsversteher mit beeindruckendem Tiefenverständnis durch eine VR-Brille mit integrierter 3D-Kamera zu schauen und sofort das Potenzial zu erkennen, das sich mit solcher disruptiven Schlüsseltechnologie realisieren lässt, die eine 3D-Modellierung der Welt “demokratisiert”. Seine Bewertung:

“A great world!”

US-Präsident Barack Obama über die kleinste 3D-Kamera der Welt auf der HMI 2016

Obama war so begeistert, dass er deutlich länger als geplant am Stand von ifm verweilte. Was ifm und Google in Kooperation geschaffen haben, hat enormes Potenzial. Die kleinste 3D-Kamera der Welt – in Smartphones verbaut – lässt uns bald nicht nur alle Star Wars live erleben, indem wir uns mit Hilfe unserer Smartphones dann in den Holoraum begeben, sondern ermöglicht weit darüber hinaus die flächendeckende Virtualisierung unserer Welt. Durch die Kooperation mit Google wird ifm Teil eines Lösungs- und Kompetenznetzwerks, das den Augmented Human noch einmal vollkommen neu definiert. Realitäten und Virtuelle Realitäten werden zu virtualisierten Realitäten, wo jetzt nur noch ganz viele “Apps” bzw. Anwendungen notwendig sind, damit aus diesem Potenzial auch Business in möglichst großer Breite wird und, wenn es eine bessere Wohnungsplanung, bei Ikea ist. Startups dieser Welt, pilgert nach Essen, wenn Ihr Teil der virtualisierten Welt werden wollt! Hier findet Ihr Hightech Made in Germany, die sogar US-Präsidenten mit Weitblick begeistert!

2. “Disruptive Champions”: SEW Eurodrive & 4.0 in Bestform

Dabei ist die Virtualisierung der Welt nicht alles, was Deutschland an spannenden Zukunftsperspektiven zu bieten hat. Führende Roboter-Player wie KUKA oder Automatisierer wie SEW Eurodrive sorgen dafür, dass es in dieser virtualisierten Welt zu einer neuen Mensch-Maschine-Kollaboration kommt. Industrie 4.0 hat – bei aller berechtigten Kritik – auch durch den Autor dieses Beitrags (RIP German Industrie 4.0) doch großartige Innovationen hervorgebracht.

Lisa, Inge und Johann Soder, so heißen z.B. die Helden 4.0 bei SEW Eurodrive. Dabei sind Lisa und Inge zwei der neuen mobilen Assistenzsysteme bei SEW Eurodrive, die zu Produktivitätssteigerungen von bis zu 50 % und zu Verkürzungen der Durchlaufzeiten von bis zu 60 % führen, wenn sie wie von Geisterhand geführt und dennoch kollaborativ mit dem Menschen ihren Dienst verrichten.

Mensch-Technik-Kooperation at its best als Teil einer neuen kollaborativen Netzökonomie ist dabei kein Hightech-Selbstzweck: So erst wird die “Individualisierung in Serie” möglich, hinter deren technologischem Konzept bei SEW Eurodive CTO Johann Soder steckt:

“Mensch-Technik-Kooperation: Der Mensch wird in jeder Sequenz seiner Tätigkeit unterstützt. Das führt dazu, dass wir eine Losgröße 1…kundenspezifische Lösungen realisieren…”

Johann Soder, CTO SEW Eurodrive

Dabei setzt Johann Soder auf “Digitale Partner” wie Dr. Joerg Niesenhaus, die ihn durch ihre Expertise, z.B. zu Gamification, unterstützen. Auch wenn Centigrade kein Startup mehr ist, so ist es diese Kollaboration von etablierten und neuen Innovatoren, die Besonderes schafft!

3. “Disruptive Champions”: Phoenix Contact & Elektromobilität

Neue elektronische Mobilität für Mensch und Maschine erfordert natürlich auch Hightech für eine schnelle Versorgung mit Energie. Und wo findet man dazu die weltweit führende Lösung und die Entwickler des internationalen Standards? In Paolo Alta, Mountain View oder Cupertino?

Obama beeindruckt von den Innovatoren aus Blomberg, #DisruptiveChampions mit Phoenix Contact – weltführend, aber bescheiden

Alles falsch! Richtig gewesen wäre: Blomberg in Ostwestfalen. Da, wo ein Elon Musk mit Nebelwerfern und psychedelischen Lichteffekten eine solche Innovation verkündet hätte, wartet die ostwestfälische Bescheidenheit darauf, dass die Bundeskanzlerin nachfragt: “Sind Sie weltführend?”, um dann darauf zu antworten: “Das ist…die schnellste Ladetechnologie, die es gibt”.

So meta-disruptiv wie die neue Virtualisierung und die neue Mensch-Maschine-Kollaboration sein wird, wird auch eine Versorgung mit neuer Energie sein, die kein Benchmark mehr mit Benzin & Co fürchten muss. Wer fährt dann noch freiwillig einen Diesel? Glaubt man den Publikumsmedien wie der WELT, gibt es das gar nicht und alles verschwindet hinter Helden aus dem silikonen Tal.

Vielleicht müssen die “versteckten” und zu bescheidenen Champions 4.0 aus Ruhrgebiet, OWL, Baden und dem Schwabenland (und Oberfranken!) in der neuen Medienwirklichkeit das Unbescheidene noch besser lernen. Dann kommt es auch bei den Publikumsmedien an, dass sich Hightech Made in Germany nicht verstecken muss. Natürlich besteht Handlungsbedarf, aber wir sollten uns nicht kleiner machen als wir sind, sondern erkennen, wo wir noch größer werden können. Gerne auch in Kooperationen mit Google & Co!

Meet our Experts,, Boldy Go Industries

4. Quintessenz: Hidden Champion gut aufgestellt, aber…

So weit, so gut. Hervorragende Lösung und das Bigger Picture Business 4.0 – bedeutet das, dass alles in Deutschland und bei der Industrie 4.0 perfekt läuft? Nicht ganz! Zum einen sollten Deutschlands Unternehmen vielleicht etwas weniger bescheiden sein und offensiver über die eigenen Erfolge sprechen. Zum anderen gilt es, die Digitalisierung in Richtung Kunde weiterzudenken. Startups und Ausgründungen in Hannover waren da schon auf dem richtigen Weg.

Digitalisierung und Marktorientierung, das ist auch, was Professor Olesch von Phoenix Contact immer wieder einfordert, mit dem der Autor dieses Beitrags vor der Hannover Messe 2016 noch eine Grundsatzdiskussion zum Thema hatte. Dass Phoenix Contact, aber auch ifm und andere sich (auch) zunehmend als Software-Unternehmen verstehen, verwundert nicht. Marc Andreessen, den Gründer von NetScape, würde das besonders freuen. Sein wegweisendes Zitat vor Jahrhunderten:

“Software is eating the world”

Prof. Gunter Olesch, Phoenix Contact

Und Deutschlands Hidden Champions haben sich deswegen bereits auf dem Weg gemacht!

Professor Simon und Simon Kucher & Partner begleiten die Hidden Champions schon viele Jahre sehr umfassend auf ihrem Zukunftsweg, z.B. durch den Hidden Champion Gipfel, wo zuletzt u.a. Teamviewer und Volocopter Leuchttürme des Wandels waren, die demonstriert haben, was an Erfolgen in Deutschland möglich ist. Dass jetzt ein Team um Andreas Jamm dieses Jahr mit der Kommunikations-Offensive “Disruptive Champions” den digitalen Innovationsführern eine Bühne bietet, möge noch mehr Beispiele wie ifm, SEW Eurodrive und Phoenix Contact breit in die Welt tragen. Diese Beispiele werden zeigen: Deutschland kann Zukunft!

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